Bitcoin ist 12 Wörter, verschränkt mit dir. Und doch wird es mehr als 12 Wörter brauchen, um dies zu erläutern.

Wenn man ein Dutzend verschiedene Leute fragt, was Bitcoin ist, bekommt man zwei Dutzend verschiedene Antworten. Bitcoin ist sowohl einfach als auch kompliziert. Verschwenderisch, und dennoch effizient. Zu langsam, und trotzdem das schnellste Geld, welches jemals existieren kann. Zu teuer, und praktisch geschenkt.

Es ist ein Wunder, dass Bitcoin überhaupt existiert. Ein Wunder, dass es erschaffen wurde. Ein Wunder, dass Satoshi den Schlüssel zur digitalen Knappheit entdeckt hat. Ein Wunder, dass es sich entfalten durfte, dass es langsam wachsen durfte, im Dunklen, im so-genannten “Dark Web”.

Das Wunder von Bitcoin liegt vor allem darin, dass es allerlei Gegensätze in sich vereint. Wie kann etwas gleichzeitig digital und knapp sein? Veränderbar und unveränderlich? Anonym und transparent? Bitcoin synchronisiert und vereint. Doch was ist es?

Die Frage, oh ja, die ewige Frage: “Was ist Bitcoin eigentlich?” Kann man diese definitiv beantworten? Ich glaube nicht. Ich glaube, dass uns die passenden Worte fehlen, als auch die passenden Konzepte. Somit werden wir uns wohl noch eine Weile mit Approximationen begnügen müssen. Approximationen, welche das Individuum in den Mittelpunkt stellen. Die ewige Frage muss umformuliert werden, da es in der Welt von Bitcoin keine Autoritäten gibt. Bitcoin ist die Autorität, und Bitcoin ist persönlich. Somit wird aus “Was ist Bitcoin eigentlich?” ganz automatisch “Was ist Bitcoin für dich?

Kollektiv und Individuum—gegensätzlich, und doch vereint. Niemand kann dir sagen was Bitcoin ist, und doch gibt es ihn, den Konsensus—sowohl technisch, als auch philosophisch. Es ist die Aufgabe eines jeden Bitcoiners zu bestimmen, was Bitcoin ist, und was es in Zukunft sein soll. Welchen Code willst du laufen lassen? Welche Konsensus-Parameter überprüft deine Node? Was ist Bitcoin für dich?

Vereinigung von Gegensätzen, Auflösung von Paradoxien—das ist Bitcoin für mich.

Eines der spannendste Paradoxa in Bitcoin ist wohl das Paradoxon des Besitzes. Die Frage, ob man Bitcoins—Sats—überhaupt besitzen kann. Das Umgekehrte ist definitiv möglich: viele Menschen, ich inklusive, sind von Bitcoin regelrecht besessen. Doch mit dem Besitz an sich—dem Besitz von Sats—ist es etwas schwieriger.

Alles an Bitcoin ist Information, jeder Bestandteil ist Text. Bitcoin hat keine Masse, obwohl es von einem physikalischen Prozess in Umlauf gebracht und abgesichert wird. Kann man Information besitzen? 12 Wörter, ein Eigentum? Deine 12 Wörter müssen geheim sein. Wenn sie das nicht sind, ist Besitz unmöglich. Zwölfmal “Bus” ist eine Bitcoin Wallet. Nun ist es auch deine Bitcoin Wallet, lieber Leser. Und wenn Du der Erste bist, der das versteht, dann bist du Millionär. Abracadabra, Bitcoin ist ein Zauberspruch.

Bitcoin ist geheimes Wissen, verschränkt mit öffentlicher Information. Bitcoin verschränkt sich selbst mit Sats, und Sats verschränken sich—wie jede Geldeinheit—mit unserem Leben. In anderen Worten: Bitcoin erschafft sich selbst—als Geld—durch die Einheit mit seiner Geldeinheit. Ohne Sats kein Bitcoin Netzwerk, ohne Bitcoin Netzwerk keine Sats. Ohne Verschränkung keine Einheit, ohne Einheit keine Kaufkraft.

Dein privater Schlüssel—deine 12 Wörter—sind, auf sich alleine gestellt, wertlos. Das gleiche gilt für das öffentliche Kassenbuch, den “public ledger”. Der Wert liegt in der Kombination, in der Verbindung. Nur wenn deine 12 Wörter mit dem Kassenbuch verschränkt sind—wenn dein privater Schlüssel eine UTXO kontrolliert—werden deine Wörter zum Zauberspruch. Bitcoin ist Kontrolle.

Wie zu Beginn erwähnt ist Bitcoin’s Identität unbestimmt, da es keine Autorität gibt welche eine Identität bestimmen könnte. Jedes Individuum muss diese Entscheidung für sich treffen, und aus der Überlappung dieser Entscheidungen bildet sich eine grobe Übereinstimmung, welche Bitcoin’s Identität kristallisiert und ihr Wert gibt. Ohne Übereinstimmung kein Konsens. Ohne Konsens kein Wert. Bitcoin ist Konsensus.

Der Wert liegt in der Seltenheit, aber es gibt nicht nur eine Seltenheit, sondern zwei. Die erste Seltenheit betrifft den privaten Teil, die Zweite den Publiken. Deine 12 Wörter sind einmalig, da der Zufall es so will. Ohne Entropie keine Zufälligkeit. Ohne Zufälligkeit keine Seltenheit. Ohne Seltenheit keine Sicherheit. Bitcoin ist einmalig.

Die zweite Seltenheit betrifft den öffentlichen Teil: das Kassenbuch welches als Zeitstrahl dient. Alle 10 Minuten darf ein glücklicher Gewinner ein neues Stückchen Vergangenheit vorschlagen, und wenn sich alle einig sind, wird jener mit Sats belohnt. Zuerst entscheidet der Zufall, dann das Netzwerk. Aus Chaos wird Ordnung, aus Zufälligkeit unumstrittene Geschichte. Jeder Privatschlüssel einmalig, jeder valide Block ein kleines Wunder. Alle 10 Minuten. Bitcoin ist probabilistisch. Bitcoin ist Zeit.

Es ist die Zeit, welche Bitcoins Geldpolitik bestimmt. Das Politische wurde chirurgisch entfernt und von Mathematik ersetzt. Das Politische wird unpolitisch, Machtstrukturen werden mathematisch. Bitcoin ist Geldmathematik.

Die Mathematik alleine reicht allerdings nicht, denn ihr fehlt der Bezug zur Realität. Nakamoto bezeichnete Bitcoin als “electronic peer-to-peer cash” und es ist das Elektronische, welches das Physikalische ins Spiel bringt. Elektronen flippen Bits, was Zeit und Energie benötigt. Zeit und Energie bilden die Grundlage der Kryptografie—wenn Berechnung weder Zeit noch Energie benötigen würde, wäre jegliche Kryptografie unsicher, jeder Code knackbar, jedes Geheimnis zu erraten. Bitcoin ist physikalisch.

Kryptografie ist allerdings nicht die Geheimzutat von Bitcoin. Kryptografie ist alt, Bitcoin ist neu. Die Geheimzutat ist die dynamische Anpassung, welche Verschränkung erlaubt: von Netzwerk und Sats, Dauer und Zeit, Text und Wert, Geheimnis und Konsensus, Mensch und Maschine, Berechnung und Schwierigkeit. Die Schwierigkeit wird angepasst, der Code nicht angefasst. Bitcoin ist dynamisch.

Diese Dynamik ermöglicht Bitcoin sich mit uns und unserer Welt zu verschränken. Sowohl als monetäres als auch als moralisches Phänomen, denn der Code von Bitcoin ist ein ethischer: du sollst nicht fälschen, du sollst nicht inflationieren, du sollst nicht beschlagnahmen. Kurz gesagt, du sollst nicht stehlen.

Moralischer Code wird zu Computercode, Computercode wird zu Gesetz. 12 Wörter in deinem Kopf können nicht gestohlen werden. Bitcoin muss verdient werden. Das Parasitische hat in Bitcoin nichts verloren. Bitcoin ist Prosperität.

Meine Einsicht, falls ich jemals eine hatte, war und ist, dass Bitcoin als Ganzes zu betrachten ist. Nicht als Vollkommen, sondern als Gestalt, im philosophischen Sinne. Eine Gestalt, welche sich auflöst, sobald man einen einzelnen Teil untersucht, oder, noch fataler, entfernt. Ich glaube, darum ist mir die biologische Metapher immer noch die Liebste. Die Verschränkung mit uns erweckt Bitcoin zum Leben. Aus technologischem Artefakt wird lebendiger Organismus. Auf Mathematik und Physik folgt Spieltheorie und Ökonomie. Bitcoin ist lebendig.

Bitcoin verkörpert Freiheit, Wahrheit, und Vernunft. Jeder ist frei, Bitcoin zu verwenden. Es ist ein freiwilliges System, ohne Zwang, ohne Herrscher. Du hast die Freiheit, es für dich zu nutzen. Du hast die Freiheit, es bleiben zu lassen. Du hast die Freiheit, es zu verändern, zu kopieren, zu verschlimmbessern, zu studieren. Diese Freiheit ist ein integraler Bestandteil des Systems. Ohne diese Freiheit würde Bitcoin nicht funktionieren. Bitcoin ist Freiheit.

Bitcoin wurde ins Leben gerufen, um die Wahrheit zu sagen. Unsere Aufgabe ist es, diese Wahrheit zu überprüfen. Dank Elektronik und Mathematik kann dies automatisch und blitzschnell passieren, aber diese unmenschliche Geschwindigkeit ändert nichts an der unterliegenden Wahrheit, welche sehr menschlich ist. Wer besitzt welche Münzen? Hat jemand gestohlen? Hat jemand versucht zu betrügen? Hat jemand unerlaubterweise Geld gedruckt? Spielen alle nach den Regeln, denen du freiwillig zugestimmt hast? Sind alle Aufzeichnungen intern konsistent? All diese Fragen können binär, ohne das Zu-Rate-Ziehen von Autoritäten beantwortet werden. Die Wahrheit steckt in deiner Full Node, und in den Daten selbst. Bitcoin ist Wahrheit.

Obwohl Bitcoin auf den ersten Blick unvernünftig erscheinen mag, ist es wohl das vernünftigste Geld, welches die Menschheit je hatte. Bitcoin’s Geldpolitik ist eine Rückkehr zur Vernunft: stabil, vorhersehbar und limitiert. Eine Limitierung, welche unausweichlich das Vernünftige auf diejenigen überträgt, die mit Bitcoin interagieren: Individuen, Firmen, Familien, Staaten—und, wenn Satoshi es so will—unsere Zivilisation. Ohne Limitierung keine Stabilität. Ohne Stabilität keine Vernunft. Ohne Vernunft keine Zukunft. Bitcoin ist Vernunft.

Bitcoin muss erlebt werden. Man muss teilhaben und Teil werden, sich verschränken mit dem Biest, sowohl im bildlichen, als auch im technischen und wirtschaftlichen Sinne. Verstehen heißt in Bezug bringen, Beziehung herstellen mit dem bereits verstandenen. Bitcoin kann verstanden werden, da es sicheren Stand erlaubt. Man muss nur den ersten Schritt wagen. Zwölf Wörter sind der erste Schritt.

Sowohl Wörter als auch Geld können einen um den Verstand bringen, vor allem wenn Wörter zu Geld werden. Doch haben wir einmal etwas verstanden, dann haben wir es begriffen. Begriffe helfen uns, Dinge zu er-fassen, sie zu be-greifen. Ohne begreifen kein erfassen. Ohne Erfassen kein Handeln.

Das Handeln ist die Grundlage, sowohl von Geld als auch von Sprache. Wir handeln mit unseren Händen und verhandeln mit unseren Worten, um nicht mit den Fäusten verhandeln zu müssen. Geld skaliert das friedliche Handeln. Ohne Geld kein Handel. Ohne Handel keine Spezialisierung. Ohne Spezialisierung keine Skalierung. Ohne Skalierung keine Zivilisation. Bitcoin ist Frieden.

Geld ist Wert, und Maß, und Maßstab. Wir be-werten und be-messen das, was Gut ist. Wir legen Dinge in die Waagschale, schätzen Wert und beziffern. Wir tun all dies, um abwägen zu können, welche Handlung die nächste sein soll. Gleichwertigkeit bedeutet Stillstand, denn ohne Wert und Bewertung ist jegliches Handeln unmöglich.

Der Handel ist unwiderruflich mit dem Handeln verschränkt, als auch die Sprache mit dem Geld. Doch trotz aller Wertschätzung bleibt jeder Wert immer nur Schätzung, da Wert subjektiv ist und sein muss, sonst wäre der Handel unmöglich. Ohne Unterschied kein Tausch. Ohne Maß keine Differenz. Ohne Differenz kein Handel. Bitcoin ist Maßstab.

Geld und Sprache sind an den Wurzeln verbunden, ja regelrecht verworren. Zwei Seiten der gleichen Medaille, gegossen aus derselben Ursubstanz, und die Gussform ist die Moral. Wir sprechen über jene Dinge, über die es Wert ist, gesprochen zu werden. Wir prägen uns etwas in unseren Köpfen ein, so wie die Köpfe vergangener Könige in Gold eingeprägt wurden. Wir sammeln Wertgegenstände und wertvolle Erfahrungen, um unsere Erfahrungen wiederum in wirksames Handeln ummünzen zu können. Wichtig ist, was Gewicht hat. Das Wichtigste ist schwerwiegend. Auch Geld und Gewicht sind verschränkt, wie der englische Pfund uns wissen lässt. Gewichte müssen ehrlich und gerecht sein; “völlig und recht”, um es mit den Worten des Buches Mose zu sagen. Ohne rechte Gewichte kein Recht. Ohne Waage keine Justiz. Bitcoin ist Maßstab und Richter. Bitcoin ist Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit braucht freie Sprache und gutes Geld. Das Gegenteil ist Zensur und Sklaverei, kurzum: Tyrannei. Gut und Böse, gut und schlecht. Das Schlechte wird verworfen, das Gute behalten. Das Gute wird zu Hab und Gut. Das flüssigste Gut wird zu Geld, um Güter zu bezahlen und Schulden zu begleichen. Doch nicht jede Schuld kann mit Geld beglichen werden. Falls Geld nicht reicht, bestimmen Gericht und Glaube, wie etwaige Schuld beglichen werden muss. Geld ist nicht Glaube, Kredit allerdings schon. Die Gläubiger glauben ihren Schuldnern. Glauben, dass die Schuldigen fähig sind, ihre Schuld zu begleichen; nicht mit Beichte oder Erlösung, nein, mit Geld, denn Geld ist das, was gilt.

Schuld und Glaube, Erlösung und Erlös. Wir bezahlen für unsere Sünden, können Lügner nicht für bare Münze nehmen. Wir schenken Aufmerksamkeit, im Gegensatz zum Spanier, welcher dieselbe verleiht, oder zum Engländer, welcher diese bezahlt. Sprache ist von Geld geschwängert, doch wir waren nicht aufmerksam genug, um diese Wahrheit zu schützen. Wahrheit wurde korrupt und aus Geld wurde Währung. Das wahre Geld verschwand und die Währung wurde kaputt.

Mit dem Geld verschwand auch die Zeit und mit ihr unsere Aufmerksamkeit. Es gibt sie wirklich, die Zeit-Diebe. Die grauen Herren, die glatzköpfigen Agenten der “Zeitsparkasse”.1 Wir kennen sie als Zentralbanken und Teilreserve-Magier, Negativzins und Inflation. Bitcoin ist das Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbringt. Bitcoin ist Momo.

Unsere Geldscheine sind mehr Schein als Geld, nur gültig, weil sonst die Freiheit entfällt. Scheinheilig und unscheinbar als Goldersatz erschienen, nun ohne Deckung und Deckelung, ein Fiat-Fiasko ohne Bezug zu Gerechtigkeit oder Realität. “Es werde Geld”, “es werde Licht”—doch lange funktioniert das nicht. Fiat ist Lüge, Währung ohne Gewähr, erzwungen durch Staatsgewalt mit Polizei und Militär. Bereicherung der Wenigen auf den Kosten der Vielen, weil sie gern Krieg und Geldpolitik spielen. Ein diabolischer Plan, welcher 1971 ins Rollen kam. Vergelt’s Gott Satoshi, wir danken dir sehr. Dank Dir und dank Bitcoin, braucht’s das nicht mehr. Bitcoin ist Erlösung, Helfer in der Not. Bitcoin ist ein Rettungsboot.

Wir sehen und hören, dass Bitcoin Verschränkung ist. Auch im musikalischen Sinne: “Das Ineinandergreifen zweier Phrasen, wobei der Schluss der ersten zugleich der Anfang einer neuen Phrase ist.” Phrasis: das Sprechen, der Ausdruck, die Anzeige. In unserer Petrodollar-basierten Fiat-Welt zeigt uns vor allem dieser den Wert von unseren Sats an. 49 Uhr 37. Bitcoin ist Moskauzeit.2

Die Verschränkung von Sats und Bitcoin begann mit einer Anzeige von Null: Null Dollar, null Euro, null Cent. Erst nach 10 Monaten hatte ein Satoshi einen Wert, zumindest am Markt, nicht nur subjektiv. Am Ende wird die Anzeige wieder Null sein, aber nicht weil Bitcoin wertlos ist, sondern weil es keine Dollar, keine Euro, kein Fiatgeld mehr geben wird.3

Damit beendet Bitcoin die Fiat-Phase dieser Welt, und wir kehren zurück zum Ursprung. Die Anzeige geht zurück auf Null, wie zu Anfang, als Satoshi die erste Node das Licht der Welt erblicken ließ. Was bleibt ist Geld, und Wert, und Wertigkeit, und Bitcoin. Denn Bitcoin ist, und Bitcoin wird bleiben. Weil es stabil ist, und einfach, und verständlich, und sinnvoll, und vernünftig. Doch beginnen und enden muss es mit Dir, und der Verschränkung mit deinen 12 Wörtern.


This text was written at 751,372 and published originally in print for the first issue of the EINUNDZWANZIG magazine. You can buy a copy at einundzwanzig.shop


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